Nijos Geschichte

…….oder, wie kommt ein spanischer Knilch in Momos Welt?

DSC_0140erzählt vom Herrchen

Wie alles begann

Es war an einem Freitag im Februar 2015, genau gesagt Freitag, der 13., als ich einen Anruf von Hanni Kosanke – sie hat uns 2012 Momo vermittelt – von Tiere aus Andalusien bekam.

Ich war gerade im Auto unterwegs, als sie mir eine etwas verworren erscheinende Geschichte über einen Hund namens Canijo erzählte, der sehr krank sei und eine teure Operation brauche. Sie bat mich, sich der Sache anzunehmen, da nach ihrer Information der Eingriff mehrere Tausend Euro kosten würde, die ihre Tierschutzorganisation nicht aufbringen könne. Per Email schickte sie mir Tierarztunterlagen des Hundes, aus denen hervorging, dass der kleine Rüde an einem portosystemischen Shunt leide. Das sagte mir nun erst einmal wenig, aber nach einem Telefonat mit unserer Tierärztin Frau Dr. Annemüller am selben Abend war schon vieles klarer.

Ein holperiger Start ins Leben

Canijos Geschichte stellte sich aus Schilderungen mehrerer Beteiligter nun so dar: der Hund, ein Ratonero Bodeguero Andaluz, wurde Anfang Januar 2014 in der Nähe von Conil de la Frontera in Spanien geboren. Da er eine kupierte Rute hat, stammt er vermutlich aus einer Zucht, wurde aber, wie es in Andalusien bei kranken und schwachen Hunden häufig vorkommt, irgendwann entsorgt. Dies geschieht entweder in Tötungsstationen, sogenannten Perreras, beim Tierarzt zum Einschläfern, oder die Tiere werden schlicht ausgesetzt, eventuell ihnen davor noch ein oder mehrere Läufe gebrochen, damit sie es sicher nicht zurück nach Hause schaffen.

Canijo hatte offensichtlich Glück im Unglück, er wurde “nur” ausgesetzt und verbrachte so beinahe sein ganzes erstes Lebensjahr auf der Straße. Als kranker und geschwächter Hund war das bestimmt nicht leicht für ihn, zumal einige Narben und ein Stahldorn, der heute immer noch zwischen seinen Rippen steckt, Zeugnisse von Misshandlungen aus dieser Zeit sind.

Offenbar hat sich dann eine Spanierin seiner erbarmt und ihn mit einem Hundekumpel zu sich genommen. Dies habe aber wohl nicht funktioniert, weil sich bei ihr noch an die 200 Katzen auf dem Grundstück tummelten. So ist Canijo dann im November 2014 zu Tiere-aus-Andalusien gekommen, wurde dort aufgepäppelt, geimpft, gechipt und kastriert.

Im Januar kam dann sein großer Tag: der kleine Mann durfte nicht nur ausreisen, sondern hatte gleich eine Familie, die ihn adoptierte. So kam er in die Nähe von Stuttgart. Die Freude war aber nur von kurzer Dauer. Die Adoptanten riefen schon nach kurzer Zeit bei der Tierschutzorganisation an, da sie den Hund zurückgeben müssten. Begründet wurde das damit, dass er die Kinder beiße und permanent in die Wohnung mache.

Zwei freundliche Bekannte von Hanni Kosanke, aus Bad Boll, erklärten sich bereit, den Hund zu holen und erstmal zur Pflege bei sich aufzunehmen, wollten ihn nur nicht dauerhaft bei sich behalten, da sie selber schon einen Hund und vier Katzen haben. Als wir die beiden Damen trafen, bei denen der kleine Kerl dann war, berichteten sie, dass Canijo, der jetzt Nico hieß, bei der Adoptiv-Familie nicht in die Wohnung durfte und im Garten bzw. auf der Terrasse gehalten wurde – und das im Januar. Als sie den Hund mitnahmen, wurde ihnen im Gehen gesagt, dass noch Fäden zu ziehen seien, da man ihn an einem Blasenstein habe operieren lassen müssen.

Die Diagnose

Die Tierärztin der Pflegefamilie zog nicht nur die Fäden und versorgte die Wunde, sondern ging auch der Frage nach, warum ein so junger Hund einen Blasenstein hat. Sie kam schnell zur Diagnose, dass der kleine Mann an einen angeborenem, portosystemischen Shunt leidet. Zugleich sagte sie, dass die Therapie mehrere tausend Euro teuer wäre.

In der Folge rief mich Hanni Kosanke an jenem Freitag, dem 13ten, an, mit der Bitte, zu klären, was das für eine Erkrankung sei und ob die Behandlung wirklich so teuer sei. Nach Beratung mit unserer Tierärztin kristallisierte sich heraus, dass es eine Heilung nur über eine Operation gäbe, die Chancen damit für den Hund aber gut stünden. Ohne OP, unter Berücksichtigung der bekannten Laborbefunde, sei seine Prognose ein paar Wochen, maximal wenige Monate. Der Eingriff würde etwa € 3.500,– kosten, zuzüglich Nachuntersuchungen, Medikamente und weitere Nebenkosten. Das sind natürlich Beträge, die eine Tierschutzorganisation schwer aufbringen kann. Zudem stellte sich heraus, dass der Eingriff aufgrund seiner Komplexität nur von wenigen Tierchirurgen durchgeführt werden könne.

Versuche der Hilfe

So beschloss Hanni Kosanke, Canijo nach Spanien zurück zu holen und ihm dort sein Gnadenbrot zu geben. Moni und ich fanden, dass dieser Lösungsansatz keiner sei! Wir baten die Tierschützerin um Aufschub und den Hund noch nicht nach Spanien zu holen. So leicht wollten wir nicht aufgeben. Obwohl wir Canijo bis dahin nur von Bildern kannten, noch nicht persönlich, begann ich die Angelegenheit von nun an sportlich zu sehen.

Am Wochenende nach dem Anruf aus Spanien wurde direkt ein Hilferuf in einem Hundeforum gestartet, der sich in Facebook fortsetzen sollte, sowie eine Internet-Spendenaktion ins Leben gerufen. Neben der Sammlung von Spenden für die Operation sollte herausgefunden werden, wer diese gut und auch kostengünstig durchführen würde. Die Resonanz auf den Hilferuf war einfach nur wunderbar. Viele wollten Canijo helfen und taten das auch nach Kräften. Lediglich die Anfragen in den qualifizierten Tierkliniken dämpften die anfängliche Euphorie aller Beteiligten. Die zu erwarteten Behandlungskosten der einzelnen Häuser schienen nach oben keine Grenze zu kennen, eine Tierklinik nannte gar reine OP-Kosten bis € 6.000,-.

Rettung in München?

DSC_0064Schließlich erklärte sich die Chefärztin der Kleintierchirurgie der Ludwig-Maximilians-Universität in München, Frau Prof. Dr. Meyer-Lindenberg, bereit, Canijo zu Tierschutzkonditionen zu operieren. Schon für den 23. Februar hatten wir einen Termin dort zur Vorstellung. So nahm die Sache, nur eine Woche, nachdem ich erstmals von dem Hund erfahren hatte, richtig Fahrt auf! Sofort wurde alles stehen und liegen gelassen. Samstags brachen wir nach Bad Boll auf, wo wir einen kleinen, verunsicherten Mann, der sichtlich Probleme damit hatte, schon wieder seine Familie zu verlieren, einsammelten und fuhren nach Oberbayern.

Montags darauf wurden wir dann in der Uniklinik vorstellig. Die Chefärztin persönlich nahm sich des Hundes an, der Fall und die Befunde wurden besprochen und Canijo untersucht. Schließlich wurde uns angeboten, den Hund gleich da zu lassen. Er würde am selben Tag noch eine Computertomographie bekommen und Frau Professor Meyer-Lindenberg wollte ihn am Folgetag operieren. Trotz einiger Unwägbarkeiten, besonders welche finanzielle Belastung an uns hängen bleiben würde, sagte ich spontan zu. Wir ließen den kleinen Mann also in München. Es war für ihn natürlich eine gute Entscheidung. Aber als er von fremden Menschen – gerade hatte er ein wenig Zutrauen zu mir gefasst – aus der Untersuchung geführt wurde, hat mir sein ängstlicher und enttäuschter Blick das Herz zerrissen.

Mit seiner Leine und Geschirr machten wir uns auf den Heimweg, waren am frühen Abend wieder zuhause. Wir gingen etwas essen und warteten auf den Anruf aus der Tierklinik, der uns zugesagt war, sobald das CT gelaufen wäre. Die Stimmung war gedrückt und wurde auch mit dem Anruf nicht besser: bei der Tomographie wurde die kompliziertere, intrahepatische Variante des portosystemischen Shunts diagnostiziert, schwerer und risikoreicher zu operieren, und meist wird noch ein weiterer Eingriff benötigt. Wir würden am nächsten Tag nach der Operation ab 15 Uhr angerufen werden.

Das Warten am Folgetag ab 3 Uhr mittags war zermürbend. Als dann der Anruf erst um 17 Uhr kam, rechneten wir schon mit dem Schlimmsten. Frau Professor Meyer-Lindenberg war es selbst, die berichtete, dass der Eingriff wegen der ungünstigeren Lage des Shunts länger gedauert habe, aber gut verlaufen sei. Sie habe den Shunt zwar im Lebergewebe präparieren müssen, aber einen sogenannten Ameroidkonstriktor anbringen können. Das mache einen Folgeeingriff höchstwahrscheinlich überflüssig.

Die Rekonvaleszenz

Canijo musste noch bis zum Wochenende in der Klinik bleiben und erholte sich zügig. Die Assistenzärztin von Frau Professor Meyer-Lindenberg, die uns täglich berichtete, schwärmte von ihm und seinem Bodeguero-typischen Charme, mit dem er alle um den Finger wickelte. Am Wochenende nach der OP zog er als Pflegehund für die Zeit der Rekonvaleszenz und Nachbehandlungen bei uns ein. Unsere Haustierärztin unterstützte uns nach Kräften dabei, nur der Hund nicht. DSC_0012Drei Wochen sollte er körperliche Schonung einhalten, was bei einem Bauchschnitt mit 16 Nähten logisch erscheint. Aber einen spanischen Jagdterrier ruhig zu stellen, ist allenfalls nur mit sizilianischen Betonfüßen möglich.

Mitte März, drei Wochen nach der OP, war der erste große Test in der Tierklinik Kalbach mit Blutuntersuchungen einschließlich Leberfunktionstest und Doppler-Ultraschall. Die Ergebnisse waren noch nicht vollends normal, aber überraschend gut. Ein weiterer Test war für April geplant.

Rehabilitationsmaßnahme in St. Peter-Ording

Bei uns zuhause ging derweil alles seinen üblichen Gang. Canijo lebte sich ganz gut ein, war teilweise übermütig, teils aber auch unsicher und ängstlich. Man könnte meinen, dass er unter Verlustängsten leidet – aber vielleicht interpretiert man da zu viel hinein. Momo hatte die anfängliche Phase des “Nun ist es aber genug! Können wir den Kerl nicht langsam mal wieder zurückgeben? Ich bin hier die Prinzessin!” überstanden und sich mit dem Knilch arrangiert. Ihr Motto wurde nun: “Ist okay, solange ich die Chefin bin und der Typ macht, was ich sage!”

DSC_0188Nun stand unser Urlaub an der Nordsee an, und da die Ferienwohnung groß genug war, nahmen wir Canijo kurzerhand mit, getreu: ob ein oder zwei Hunde, macht keinen Unterschied und es merkt sowieso niemand!

DSC_0158Obwohl die große Operation erst drei Wochen her war, entwickelte sich der kleine Mann immer besser, versprühte zusehends mehr und mehr Lebensfreude. Auch Momo und er fanden immer besser zueinander.

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Selten haben wir zwei Hunde gesehen, die so schön miteinander spielen können. Die beiden harmonierten immer besser, wobei Momo auf die Einhaltung der Rangordnung sehr achtet. Ihm macht das offenbar wenig aus, im zweiten Glied zu stehen. Hauptsache, der Strolch kann Quatsch machen.

Stunden der Wahrheit

Nach dem Urlaub stand Mitte April die zweite und hoffentlich letzte Kontrolle in Kalbach an. Im Vorfeld wurde schon darüber geredet, wann Canijo in die Vermittlung zurück gehen solle. Wenn er völlig gesund wäre und kein finanzielles Risiko mehr für seine Adoptanten bedeute, sollte baldmöglichst ein schönes, neues Zuhause für ihn gefunden werden.

Aber immer, wenn das Thema auf den Tisch kam, wurde es in Momos Zuhause dunkel, traurig und kalt! Also sprach man nicht darüber und schwieg es tot. Ein zweiter Hund in unserem Haus war bisher, besonders durch Frauchen, kategorisch ausgeschlossen worden. Das sei nicht zu bewerkstelligen und in keinem Fall unserer Hundedame, Frau Kempe, zuzumuten.

Mir wurde aber mit jedem Tag des drohenden Abschieds umso schmerzlicher bewusst, dass ich Canijo nicht mehr hergeben kann. So kam es, wie es kommen musste. Eines Abends platzte mir beim Fernsehen heraus: “Egal wie wir’s machen, der Knilch bleibt!” Seelenruhig antwortete meine Frau: “Was regst Du Dich denn so auf, das ist doch schon lange klar!” Momo neben mir seufzte einmal tief im Schlaf.

Der Tag der zweiten Nachuntersuchung kam. Wie nach der Ersten schon erhofft, waren die Ergebnisse vorbildlich, alle Laborwerte und Belastungstests in der Norm, der Doppler-Ultraschall zeigte, dass der Ameroidkonstiktor das Shuntgefäß vollständig verschlossen hatte. Die Tierärztin in Kalbach sagte zum Abschluss: “Sie haben da jetzt einen gesunden Hund!” Das konnte man von allen beteiligten Zweibeinern nicht behaupten. Wie schon beim ersten Mal brauchte es zu Blutentnahme und Untersuchung vier Erwachsene um einen “Canijo” zu bändigen.

Epilog

Nun ist Nijo schon ein dreiviertel Jahr bei uns. Nijo haben wir ihn getauft, da Canijo, spanisch für “Mickerling”, für ihn zu negativ behaftet war und Nico – so hatte ihn seine erste Adoptivfamilie genannt, und darauf hörte er recht gut – uns nicht gefiel. Da war “Nijo” ein schöner und funktionierender Kompromiss.

DSC_1480_01Momo und der kleine Mann verstehen sich blendend, man hat den Eindruck, sie lieben einander. Wobei Momo sich etwas cooler gibt, und Nijo seine “große Schwester” anhimmelt. Immer öfter werden die zwei bewundert, wie schön sie miteinander spielen.

Auch Frau Kempe liebt ihn genau wie unsere Momo und möchte beide am liebsten nie mehr hergeben.

Nijo selber ist manchmal noch etwas unsicher und ängstlich und sucht bei Momo oder den Zweibeinern in unheimlichen Situationen Schutz. Aber das wird langsam besser, und wer will ihm das bei seiner Geschichte verdenken?

Einen zweiten Hund ins Haus zu holen war schon ein Risiko, bei Nijo gar besonders in mehrerlei Hinsicht, und ich werde oft gefragt, warum ich das überhaupt gemacht habe. Meine Antwort ist dann:

Weil er mich mindestens einmal am Tag zum Lachen bringt und sein liebevolles Wesen mein Herz berührt!

Danksagungen:

Ich möchte im Namen von Nijo, auch seinem gesamten Rudel, ganz herzlich danken:

  • meiner Frau Monika
  • Hannelore “Oma” Kempe
  • Renana Hemsath mit ihrem Rudel
  • Frau Dr. med. vet. Cosima Annemüller in Mühlheim am Main
  • Frau Professor Dr. med. vet. Andrea Meyer-Lindenberg mit ihrem Team an der Kleintierchirurgie der  Ludwig-Maximilians-Universität in München
  • Frau Dr. med. vet. Barbara Hellwig in der Tierklinik Frankfurt Kalbach und ihrem Team
  • Sascha Berrang

und allen Freunden, Liebgewonnenen, Nichtgenannten und leider Vergessenen (Sorry dafür!), die mit Rat, Tat und Zuwendung dem kleinen, kranken Nijo beigestanden haben!

 

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